Luzis Revier liest Nalas Welt (Rezension)

Vor ein paar Wochen fragte ich Romy, ob sie schon mal von dem Typen gehört habe, der mit einer Katze auf seinem Fahrrad durch die Weltgeschichte fährt. Nein, hatte sie nicht, aber sie war natürlich sofort an der Geschichte interessiert. Als ich dann noch was von Instagram sagte, schaute sie dort direkt nach – und war schockverliebt. Kurze Zeit später schenkte sie mir das Buch zur Weltreise Nalas Welt. »Du liest es«, erklärte sie, die nicht gerne liest, »und erzählst mir hinterher davon«.

Noch sind Luz und ich nicht ganz durch, aber hier, bitteschön, erzähle ich dir von Nalas Welt.

Nalas Welt: Katze trifft Mann in Bosnien

Der Hintergrund von Nalas Welt ist relativ schnell erzählt. Dean Nicholson war im Sommer 2018 mit seinem Kumpel Ricky zu einer Weltreise per Fahrrad aufgebrochen. Immerhin bis Bosnien hatten sie es zu zweit geschafft, dann hatte der Kumpel keine Lust mehr.

Gerade hatte sich Dean an die Idee gewöhnt, fortan alleine zurechtzukommen, da quietschte es auf einer einsamen bosnischen Landstraße plötzlich hinter ihm. Probleme mit dem Fahrrad? fragte er sich. Doch dann quietschte es wieder und ihm wurde klar: Das war kein Quietschen, das war ein Maunzen.

Nala war nur wenige Wochen alt, als Dean sie fand. Oder fand nicht eher sie ihn? Wie auch immer. Viel zu klein war sie, um alleine hergekommen zu sein. Weit und breit keine Mutter oder Geschwister. Überhaupt gar nichts in der Nähe, das eine freundliche Erklärung liefern konnte. Ganz offensichtlich hatte da jemand die kleine Nala buchstäblich entsorgt. Sie in der einsamen Berglandschaft zum Tode verurteilt.

Also nahm der erklärte Tierfreund sich ihrer an. Fütterte sie mit Pesto (was er in der Folgenacht noch bitter bereute). Nahm sie schließlich mit, um sie mindestens mal zu einem Tierarzt zu bringen. Und überquerte dafür mit ihr illegaler Weise die Grenze nach Montenegro. Denn auch wenn er offenbar nicht wusste, wie wenig Katzen Pesto vertragen: Dass man Tiere nicht ohne offizielle Dokumente über Ländergrenzen mitnehmen darf, war Dean schon klar.

Der Grenzübergang ging gut. Die Sache mit dem Pesto auch. Wenn man davon absieht, dass Nala in der Folgenacht Durchfall hatte und in Deans Schlafsack kackte. Während eines Unwetters, das die Lüftung des Zeltes unmöglich machte.

Doch obwohl der zu dem Zeitpunkt noch unerfahrene Katzenmann bereits während seiner ersten Nacht mit Nala die olfaktorische Wand des Grauens kennen lernen musste, entstand bereits dort die Bindung zwischen ihm und dem kecken Kätzchen.

Nalas Welt führt …

… von Land zu Land

Von Montenegro und durch Albanien geht es für das ungewöhnliche Reisepaar erst einmal für einige Zeit nach Griechenland. Später reist Dean mit Nala dann weiter nach Osten durch die Türkei und Georgien nach Aserbaidschan. Mangels gangbarer Alternativen Richtung Indien macht er dort kehrt und fährt dann über Bulgarien und Serbien nach Ungarn. Und auch wenn ich noch nicht ganz durch bin mit Nalas Welt, kann ich mir jetzt schon denken, was ihn zu guter Letzt aufhält. Der Grund fängt mit C an und endet auf »orona«.

Nun muss ich sagen, dass mich Reiseberichte grundsätzlich nicht so wahnsinnig interessieren. Hingegen mag ich fiktive Geschichten, die in unwirtlichen Regionen spielen. Und wenn da einer reist – ob im Auto, auf dem Fahrrad oder zu Fuß -, soll mir das recht sein. Der zentrale Handlungsort eines meiner Lieblingsbücher, dem Spionageroman Der Rabe (Kolymsky Heights) von Lionel Davidson, liegt zum Beispiel in Nordostsibirien. Ich könnte also auch sagen: Wo kein Dauerfrost, da nicht wirkliches Interesse meinerseits.

Aber zu meiner Freude bleibt halt doch die kleine Nala die sehr zentrale und letztlich fast alles bestimmende Figur. Sie (und ein kleiner Hund, aber das ist eine andere Geschichte) ist zum Beispiel der Hauptgrund, warum Dean in Aserbaidschan umdreht. Durch den Iran und Afghanistan will er mit ihr jedenfalls nicht reisen, um nach Indien zu kommen. Und mit dem Flugzeug ist es auch nicht so leicht, wie er sich das wünscht.

… von Tierarzt zu Tierarzt

Mit Nala muss Dean aber auch in jedem Land mindestens einmal zum Tierarzt. Weil er für die Weiterreise immer die Bestätigung ihrer Gesundheit braucht. Dafür besitzt Nala nämlich ihren eigenen Reisepass. Und auch den musste Dean für sie erst einmal organisieren.

Als Kitty benötigt sie natürlich auch erst einmal ihre Grundimmunisierung gegen all die bösen Katzenkrankheiten. Als Reisekatze aber natürlich auch die gegen Tollwut. Und irgendwann steht dann auch die Kastration an. Schließlich ist Nala immer mal alleine unterwegs und könnte sich mit dem ein oder anderen Kater ein paar schöne Minuten machen.

Mit anderen Worten: Alle Aspekte, die jeder Mensch eines Katzenwelpen durchmacht, muss auch Dean erledigen. Nur eben nicht zu Hause bei der Tierärztin des Vertrauens, sondern irgendwo auf der Reise. Und das alles kostet Geld und Zeit und wirft so manchen Plan über den Haufen.

Vom Klassenclown zum Helikoptervater

Zu Beginn von Nalas Welt beschreibt der Weltenradler sich selbst als »Klassenclown«. Einer, der mit Ende zwanzig noch zu Hause gelebt und keine Ausbildung beendet hat. Der eigentlich ganz entspannt ist, der aber nach reichlich Alkohol eine kurze Zündschnur hat und sich als Partybiest immer wieder Probleme einhandelt.

Das alles fällt nun mit Nalas Einfluss auf sein Leben fast komplett weg. Natürlich, jahrelanges Training sitzt tief. Ein bisschen Chaos muss schon sein. Aber im Großen und Ganzen lernt der Schotte dank der kleinen Katze, was verantwortungsvolles Handeln bedeutet. Und da fängt Nalas Welt an, wirklich zu bezaubern.

Sind wir Katzenmenschen alle so oder haben an der Stelle nur Dean und ich etwas gemeinsam? Wir könnten ja kaum unterschiedlicher sein, aber beide sehen wir in unseren Katzendamen unser Alter Ego. Oder sagen wir besser: Anteile der eigenen Persönlichkeit.

Bei ihm ist es vor allem Nalas Unerschrockenheit, ihr Mut und sicherlich auch ihre Reiselust, die sie zu seiner perfekten Gefährtin macht. Ähnlich wie er selbst muss Nala nämlich blöde Ideen immer erst einmal ausprobieren, bevor sie sie als solche erkennt. Auf einen Baum klettern und dann nicht mehr hinunterkommen. Beim Sprung das Ziel verpassen und mit dem Kopf aufschlagen. Oder einfach mal mit einer Streunerkatze kurzfristig durchbrennen, auf dass Dean in Panik gerät und befürchtet, sie habe sich von ihm ohne ein Miau verabschiedet. Spätestens da fühlt er sich als Helikoptervater, der seiner Freigeist-Katze doch eigentlich alle Freiheit gönnen wollte.

Geschichten dieser Art kennt wahrscheinlich jeder Mensch einer Freigänger-Katze. Nur Luz und ich haben dergleichen noch nie durchgemacht. Weshalb ich als Helikoptermutter immer nur denke, dass ich dergleichen nicht überleben würde. Besser für sie und mich, dass sich Luzis Revier auf nur eine kleine Stadtwohnung beschränkt.

Und was ist eigentlich so schlimm daran, bekennende Helikoptermutter zu sein?

Nalas Welt ist die der Social Media

Nun erobert das ungleiche Paar nicht nur unterwegs die Herzen der Menschen, an denen sie vorbeiradeln. Vor allem auf Instagram weiß Nala zu punkten.

Was ja auch nicht überrascht. Dean wundert sich zwar über den Zuspruch. Aber da kann ich nur sagen: Bäriger Schotte mit niedlich frechem Tigerkätzchen – da stehen wir Mädels drauf! Wie sollte das nicht viral gehen?!

Abgesehen davon ist Nala natürlich schon eine besondere Katze. Es gibt sicherlich nicht viele Vertreterinnen ihrer Art, die begeistert auf dem Fahrrad mit durch die Welt reisen. Aber das erwarten die meisten Nutzer/innen der Social Media: etwas zu sehen, das in ihrem Alltag nicht vorkommt und das sie beneiden können.

Nun gibt es aber tatsächlich Menschen, die brauchen das TV, um von bahnbrechenden Ereignissen in den Social Media zu erfahren. Dabei ist doch genau das Nalas Welt: die der Social Media.

Für Dean Nicholson mag dies eine überraschende wie beruhigende Erkenntnis sein. Dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die ihn nicht kennen. Oder die zumindest nicht das Bedürfnis haben, ihn aufzusuchen und mit ihm und seiner Katze ein Selfie zu machen. Denn bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten, als guter Catfluencer für Tier- und Naturschutz aktiv zu sein, wird Dean dann schon bewusst, dass Anonymität doch recht angenehm sein kann.

Nun lässt er sich aber auf die konsequente Selbstvermarktung ein. Was vielleicht wirklich nur mit der Idee begann, Familie und Freunde an dem Trip teilhaben zu lassen, wird dank eines ersten Interviews zur großen Kampagne. Zwar versucht Dean, sich dabei an Spiderman zu orientieren (»Aus großer Kraft folgt große Verantwortung«) und seine Einnahmen zu spenden.

Letztlich bleibt es aber diese komische Gemengelage aus Werbemaßnahmen und persönlichen Interessen, mit der Influencer ihren Alltag gestalten. Ein hübsches Kätzchen verkauft im Zweifel eben auch deutsche Fahrradreifen.

Fazit: Nalas Welt

Für mich wäre es dabei geblieben: Ich hatte von dem tätowierten Schotten und Nala gehört, mehr brauchte ich nicht zum Glück. Das Buch zum Social Media Ereignis hätte ich mir also selbst nicht gekauft. Nun aber, da ich es lese, habe ich durchaus Spaß daran. Und auch Luz findet es nett, wenn ich ihr die schönsten Passagen aus Nalas Welt vorlese.

Ein bisschen lästig erlebe ich allerdings schon diesen Lobgesang auf die Social Media. Alles beste Freunde, die ihm folgen, sage ich nur. Und alle so tier- und naturschutzlieb, unglaublich. Dennoch sind die Meere voller Plastikmüll und Menschen setzen die Nalas dieser Welt einfach irgendwo aus.

Es ist wunderbar, wenn da einer was bewirken kann. Und er muss ja nicht gleich die ganze Welt retten. Aber eine etwas differenziertere Betrachtung des Social Media Hypes um seine kleine Freundin wäre angenehmer zu lesen gewesen.

Eigene Social Media Sperre hin oder her: Romy kann ich, sofern sie damit nicht schon längst durch ist, den Blick in den Youtube-Kanal empfehlen. Allen anderen Leser/innen dieses Blogs natürlich auch.

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