Gespräche mit meiner Katze: Wenn ich alles doppelt sage

Davon, dass Luzi viel mir mir spricht, hatte ich schon mal erzählt. Erwähnt hatte ich auch, dass ich natürlich immer antworte. Unerwähnt hatte ich allerdings gelassen, dass die meisten Gespräche mit meiner Katze doch von mir ausgehen. Da antwortet Luzi leider nicht immer. Und dann habe ich auch noch die Unart entwickelt, immer alles doppelt zu sagen. Immer alles doppelt zu sagen! Das braucht alles ein wenig Erklärung.

Vom Bedürfnis, mit Tieren zu sprechen

Ich muss immer lachen, wenn sich Hundetrainer Martin Rütter über Menschen lustig macht, die viel mit ihren Hunden sprechen. Was sollen sie denn sonst machen? frage ich mich dann. Wenngleich ich natürlich verstehe, dass man andere Menschen oder Tiere auch totquasseln und damit die Bedeutung eigener Äußerungen reduzieren kann. Aber für manche Menschen – so auch für mich – gehört das Reden doch mit zum Leben. Unter anderem deshalb lebe ich ja auch nicht mit einem Hund. Ich führe meine Gespräche mit meiner Katze, und die quasselt bekanntlich auch viel.

Worüber ich nur bedingt lache, ist Rütters Hinweis, dass die wenigsten Hunde schwerhörig sind. Es ist wirklich bemerkenswert, wie oft Menschen ihrem Hund ein »Sitz!« oder »Platz!« entgegenbrüllen. Etwas mit Bestimmtheit zu sagen setzt keine besondere Lautstärke voraus. Wenn der Hund sich also auf »Sitz!« nicht hinsetzt, hat das mehr mit schlechter Erziehung zu tun als mit Lautstärke.

Luzi hat das »Sitz!« jedenfalls ohne jeglichen Zwang oder Brüllen gelernt. Und wenn sie auf meine dezent vorgetragene Aufforderung nicht entsprechend reagiert, versuche ich es noch einmal genauso klar und gleichsam nett.

Meine Gespräche mit meiner Katze sind sogar in Momenten, in denen ich von ihr nur genervt bin, immer nett. Zum Beispiel morgens, wenn sie die Tyranni gibt und mich mit aller Beharrlichkeit einer Katze zum Aufstehen bewegen will. Aber auch dabei gibt es nur eine einzige Situation, in der ich sie tatsächlich böse anraunze: Wenn sie mir ins Gesicht tatscht und ich ihre Kralle am Augenlid oder der Lippe spüre. Das geht gar nicht! Ich weiß, sie will mich nicht verletzen, vielmehr nur berühren. Aber da wiederhole ich mich gerne: Das geht gar nicht!

Bei allem anderen hilft im Zweifel immer ein bisschen Humor.

Humorvolle Gespräche mit meiner Katze

Apropos Humor. Ich kann gar nicht anders und muss – vielleicht nicht immer, aber oft – ein bisschen albern sein. Das wirft allerdings die Frage auf, ob Katzen Humor überhaupt verstehen. Was wiederum die Frage aufwirft, wie viel Luzi von meinem Gequassel überhaupt versteht.

Auf der Wortebene bin ich sicher, dass Luzi sehr wohl mindestens einzelne Wörter versteht. Sie kennt ihren Namen (und bestimmt auch den ein oder anderen ihrer vielen Kosenamen). Sie weiß, was »Sitz!« oder »Komm, Schatz!« bedeuten. Auch bei »Futti!« und »Nachschlag?« bin ich mir ziemlich sicher.

Aber weiß sie auch, was »Privatsphäre« meint? Ich sage das immer, wenn ich die Vorhänge zuziehe. Vielleicht denkt sie ja, dass Privatsphäre etwas ist, durch das man mit wenig Anstrengung hindurchlaufen kann. Allzu falsch liegt sie damit wohl nicht.

Viel wesentlicher als das Verstehen konkreter Wörter ist aber doch wohl das Verstehen von Stimmungen. Tyranni versteht morgens sehr wohl, dass ich genervt bin. Dazu muss ich nicht laut werden oder bestimmte Wörter benutzen. Gleichsam, das vermute ich, macht es ihr schlichtweg Spaß, mich zu wecken. Sie weiß auch, dass sie obsiegen wird. Irgendwann stehe ich dann ja doch auf.

Im Gegensatz zu mir, die ich sie immer wieder vom Bett schubse, also immer wieder das Gleiche tue in der Hoffnung auf ein neues Ergebnis, hat Luzi mit ihrer immer gleichbleibenden Strategie tatsächlich Erfolg.

Wenn ich mich dann mit ihr darüber unterhalte, dass diese Definition für Wahnsinn Albert Einstein nur zugeschrieben wurde, versteht sie meine Worte wohl ziemlich sicher nicht. Aber sie versteht bestimmt meine humorvolle Tonart.

Viel wesentlicher für die Kommunikation mit Tieren ist also die eigene Haltung denn die konkreten Worte. Eine gewisse Klarheit, die man in sich trägt, ist da auf jeden Fall hilfreich. Manchmal funktioniert es auch gut mit Geheimnistuerei oder dem Vortrag eines großen Dramas. Aber vor allem mit liebevollem Humor weiß ich Luzi fast immer zu überzeugen.

Wenn man immer alles doppelt sagt

Nun haben meine Gespräche mit meiner Katze aber vor allem die Eigenart, dass ich mich erschreckend oft wiederhole. Ein Beispiel? Fast jeden Morgen nach dem Training sage ich nach mehr oder weniger langer Suche:

»Wo ist der Ball, Luz? Wo ist der Ball?«

Wem das jetzt bekannt vorkommt, hat einen Hund – und selbst dasselbe Störungsbild. Wobei: Was heißt hier Störungsbild. Störungsbild würde davon ausgehen, dass es sich bei dieser Form des sich selbst Wiederholens um ein Symptom einer Erkrankung handelt. Sagen wir: So etwas Ähnliches wie bei der Definition von Wahnsinn, bei der man hofft, durch Wiederholen des immer Gleichen auf ein neues Ergebnis zu erzielen.

Ich denke, dass wir es hier vielmehr mit einem Aspekt des Xenolekt zu tun haben. Also jenem sprachlichen Verhalten, das wir an den Tag legen, wenn wir mit jemanden sprechen, der der eigenen Sprache nicht oder nur bedingt mächtig ist.

Beim Xenolekt gibt es verschiedene Teildisziplinen. Phonologisch mache ich zum Beispiel kaum einen Unterschied, ob ich nun mit Luz oder sagen wir mit Romy spreche. Ich rede nicht langsamer oder besonders artikuliert. Auch semantisch gibt es kaum Einschränkungen. Abgesehen von Ein-Wort-Aufforderungen wie »Sitz!« benutze ich bei Gesprächen mit meiner Katze durchaus ganze Sätze und Wörter wie Privatsphäre. Allerdings ist meine Themenauswahl durchaus beschränkter (Luzi und ich diskutieren selten Weltpolitisches). Auch stelle ich ihr meist Entscheidungsfragen. Auf meine Aufforderung, mit einem einmaligen Miau für die eine und einem zweimaligen für die alternative Option zu votieren, erhalte ich allerdings selten Antwort.

Merkmale der Interaktion

Wesentlich bei meinen Gesprächen mit Luzi sind tatsächlich die Merkmale der Interaktion. Und zu denen gehören die Wiederholungen.

Das kennt man: Als würde es einen Unterschied machen, wenn man zu jemanden, der kein oder nur gebrochen Deutsch spricht, ein und dasselbe Wort mehrfach zu wiederholen. Wenn die Person beim ersten Mal nicht weiß, was gemeint ist, macht es die Wiederholung auch nicht besser. Dennoch haben viele Menschen die Neigung, in solchen Situationen Gesagtes einfach öfter zu wiederholen.

Ich denke dabei an Szenen, die ich aus Urlauben in Frankreich erinnere. Da suchst du dir mit viel Aufwand die passende Formulierung für die Frage nach dem Weg zusammen – und bekommst dummerweise ausführlich Antwort. Leider hat das Gesprochene dann gar nichts mit dem zu tun, was ich in der Schule als Französisch gelernt habe. Und auch die Wiederholung desselben als Reaktion auf mein total verständnisloses Gesicht hilft dann nicht wirklich weiter.

Das Ganze gilt übrigens auch umgekehrt in der Kommunikation mit Luzi. Auch Luz hofft durch die Wiederholung für mein Ohr gleicher oder zumindest höchst ähnlicher Lautfolgen mir irgendwas zu verdeutlichen. Manchmal glaube ich, sie durch den Kontext zu verstehen. Aber oft stehe ich nur ratlos vor ihr und bitte um Äußerungen in ganzen Sätzen.

Ich plädiere also dafür anzuerkennen, dass Menschen wie ich in ihrem tierischen Mitbewohner einen echten Kommunikationspartner sehen. Und weil wir nicht die gleiche Muttersprache haben, nutzen wir beide halt die Optionen des Xenolekts!

Das ist doch super. Schon komme ich mir nicht mehr so dämlich vor, wenn ich bei meinen Gesprächen mit meiner Katze ständig alles doppelt sage. Ständig alles doppelt sage! Schon klingt das Ganze extrem schlau. Gerade so, als wüsste ich, wovon ich da die ganze Zeit gequasselt habe.

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