Geriatrisches Vestibularsyndrom bei der Luzi?

Es ist kurz vor Weihnachten und Luzis Welt ist massiv ins Schwanken geraten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, macht die Sache aber nicht besser. Wobei noch nicht ganz klar ist, worüber wir hier eigentlich reden. Im ersten Moment hätte ich die Symptome für einen Schlaganfall gehalten, las mir dann aber dieses gepflegte Halbwissen an. Mit dem Ergebnis: kein Schlaganfall, sondern wahrscheinlich geriatrisches Vestibularsyndrom. Später sprach der Tiernotdienst – des Deutschen kaum mächtig – dann von »ataxie vestibulaire«. Wie gut, dass ich da schon eine Idee davon hatte, was er mir damit wohl sagen wollte.

Was war passiert?

Dieser vorweihnachtlichen Tage wachte ich morgens davon auf, dass Luzis zweimal laut fauchte – und sich dann übergab. Nach einem kleinen Frühstück, das ich ihr nur wegen der Beimengung von Heilerde gegeben hatte, hatte sie sich wieder schlafen gelegt und ich startete mein Tagewerk.

Eine Stunde oder zwei später kam ich wieder ins Schlafzimmer und weckte sie unabsichtlich. Wie so oft in solchen Momenten schaute sie mich mit großen Augen und leicht vorwurfsvoll an, legte dabei ihren Kopf in den Nacken. So weit nichts Besonderes.

Besonders und auffällig war allerdings, dass sie dabei mit dem Kopf wackelte und ihre Augen zitterten. Beides, das Kopfwackeln und das Augenzittern waren horizontal, also immer von rechts nach links. Allein da war mir natürlich sofort klar, dass hier irgendwas erheblich nicht stimmen kann.

Nur blieb es nicht dabei. Luzi meinte, unbedingt aufstehen zu müssen, war dazu aber kaum in der Lage. Und als sie endlich auf ihren vier Pfoten stand, konnte sie sich nicht geradeaus bewegen. Stattdessen drehte sie sich gegen den Uhrzeigersinn im Kreis und fiel dabei immer wieder auf ihre rechte Seite.

Spätestens da war ich der felsenfesten Überzeugung, dass Luzi einen Schlaganfall haben muss. Dass es viel wahrscheinlicher ein geriatrisches Vestibularsyndrom sein könnte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. In größter Sorge rief ich sofort den mobilen Tiernotdienst an, bekam aber erst einen Termin für den frühen Abend.

Also rief ich Romy an, um sie zu fragen, ob sie kommen und mir helfen kann, Luzi zu unserer neuen Tierärztin zu bringen. Doch Romy lag selbst krank im Bett. Und während wir über die Optionen sprachen, besserte sich Luzis Lage. Plötzlich konnte sie wieder geradeaus gehen, auch wenn ihr Hinterteil noch immer unstet war. Ihr Weg führte sie jedenfalls zu ihrem Klo, vor dem sie einen Riesenbach produzierte.

15 Minuten Kopfwackeln, Augenzittern und Ataxie

Ungefähr eine Viertelstunde hielt dieser erschreckende Spuk an. Kopfwackeln, Augenzittern und Ataxie, also die fehlende Kontrolle über ihre Bewegungen, das Drehen im Kreis und Umfallen. Dann hörten das Augenzittern und Kopfwackeln auf und die Koordination kehrte immer mehr zurück. Und zurück kam auch Luzis guter Appetit.

Nur uns ließ das Ganze höchst alarmiert und beunruhigt zurück. Dabei war es Romy, die als Erste das Wort Schlaganfall aussprach. Wenngleich wir beide gar nicht wussten, ob Katzen überhaupt einen Schlaganfall erleiden können.

Bis zu meinem Termin mit dem Notdienst (rund sieben Stunden später) hatte ich dann genug Zeit, das zu tun, was ich in solchen Momenten immer tue: Ich befrage das Internet. Und kam zu der vorläufigen Erkenntnis, dass die Symptome viel mehr für das Vestibularsyndrom sprechen. Oder noch konkreter: für ein geriatrisches Vestibularsyndrom.

Geriatrisches oder idopathisches Vestibularsyndrom

Wovon sprechen wir hier eigentlich? Vestibular, das bezeichnet das Gleichgewichtsorgan. Das tragen wir Säugetiere in unseren Innenohren. Bei einer Störung des Gleichgewichtsorgans kommt es zu den Symptomen, die ich bei Luzi beobachten musste. Dabei gehört das Vestibularsyndrom zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hunden und Katzen.

Der mögliche Auslöser für diese Erkrankung bestimmt dann auch ihren Namen.

  • Sitzt das Problem direkt im Umfeld des Gleichgewichtsorgans, also irgendwo im Innenohr oder im Mittelohr, ist die die Rede vom peripheren Vestibularsyndrom.
  • Beim zentralen Vestibularsyndrom sitzt das Problem im Gehirn beziehungsweise im Zentralnervensystem.
  • Und schließlich gibt es noch eine ideopathische Variante. Was bedeutet, dass der Grund nicht ersichtlich ist. Bei älteren Tieren wird daraus dann auch ein geriatrisches Vestibularsyndrom.

Die konkreten Gründe, die zu den Problemen im Innenohr oder im Zentralnervensystem führen, können sehr unterschiedlich sein. Meist ist es entweder ein entzündlicher Prozess, bei Katzen oft Polypen im Mittelohr, weit seltener ein Tumor (peripher) oder eine Viruserkrankung (zentral).

Bei Katzen kann sich aber auch eine Unterfunktion der Schilddrüse als Vestibularsyndrom äußern.

Mit diesen Vorinformationen traf ich dann auf den Tierarzt vom mobilen Tiernotdienst.

Ataxie vestibulaire

Bisher hatten wir erst einmal Besuch vom mobilen Tiernotdienst. Die Tierärztin, die damals kam, als Luzi Blut erbrochen hatte, war sehr nett gewesen und auch sehr hilfreich. Zwar war auch sie keine Muttersprachlerin, was das Gespräch erschwert hatte. Aber sie sprach und verstand gut genug Deutsch, sodass wir uns gut genug verständigen konnten.

Anders nun der Tierarzt, der an diesem Abend zu uns kam. Seine Muttersprache war Französisch, und er fragte mich tatsächlich, ob ich das sprechen würde. Denn auf Deutsch war kaum ein ernstzunehmendes Gespräch möglich.

So bin ich auch nicht sicher, ob er mich verstanden hat, als ich ihm die Symptome schilderte. Seine ersten Worte, nachdem er nach Luzis Alter gefragt hatte (»Wie alt?«), waren nämlich: »Schlimm!« und »Krebs!« Schließlich folgte als alles erklärender Grund für diese barschen Worte die bereits zitierte »ataxie vestibulaire«.

Hätte ich mir den Nachmittag über nicht bereits eine Vorstellung verschafft, ich hätte überhaupt nicht verstanden, was er mir damit sagen wollte. Aber auch mit dem angelesenen Halbwissen war ich fassungslos über so viel kommunikative Inkompetenz.

Ohren vermeintlich in Ordnung

Fassungslos war ich auch, dass er keinerlei Vorinformation hatte. Was zum Teufel machen die mit den Daten, die sie bei der Terminvergabe aufnehmen? Warum geben sie die Infos nicht an den Arzt oder die Ärztin weiter?

Mit der Vorinformation hätte er vielleicht gewusst, dass er ein Otoskop brauchen würde. So blieb es beim Blick in die Ohren mit Unterstützung meiner Taschenlampe.

Dass Luzi das zuließ, war schon bemerkenswert. Denn allzu viel hat sie von unserem Besuch natürlich nicht gehalten. Der hat sich ihr zwar erst einmal freundlich genähert. Als sie das dann aber mit Knurren quittierte, schnauzte er sie immer wieder an: »Nein! Nein! Nein!«

Wenn ich nicht der Meinung gewesen wäre, dass Luzi unbedingt noch die ein oder andere Spritze bräuchte, wäre das der Moment gewesen, diesen Mann rauszuschmeißen.

Zwei Spritzen gegen geriatrisches Vestibularsyndrom

Meine Vorabinfos hatten von mehreren Medikamenten gesprochen, die im Fall eines Vestibularsyndroms gegeben werden. Von einem Mittel, das die Durchblutung fördert, hatte ich gelesen. Von B-Vitaminen und einem Mittel gegen die Übelkeit. Infusionen könnten auch nicht schaden.

Was Luzi nun bekam, war eine Spritze Metacam (was sie ja eigentlich nicht mehr verträgt) und eine mit den B-Vitaminen. Von einem Mittel gegen Übelkeit oder für bessere Durchblutung war nicht die Rede, von Infusion auch nicht.

Beide Spritzen fand die Luzi überhaupt nicht gut. Sicherlich auch nicht, dass sie von ihm immer wieder mit dem ungehaltenen »Nein!« angeschnauzt wurde. Lange habe ich sie nicht mehr so aggressiv erlebt, sodass ich, die ich sie festhalten musste, dies nur mithilfe einer Decke tun konnte. Zum Glück hat sie mir das überhaupt nicht übelgenommen, sondern hinterher Trost bei mir gesucht.

Was blieb, war die Aufforderung, Luzis Kopf röntgen und eine »Spezialuntersuchung« durchführen zu lassen. Sofern sich die Symptome noch einmal zeigen. Wenn nicht, dann sei es »sporadisch« gewesen und dann doch nicht so schlimm.

Rund 220 Euro später war ich also genauso schlau wie zuvor. Von »ist nicht schlimm« bis zu »Krebs!« ist also noch immer alles möglich.

Geriatrisches Vestibularsyndrom oder doch Schlaganfall?

Nur wenige Tage vor dem Ereignis, das ich als geriatrisches Vestibularsyndrom verstanden habe, sah Luzi noch ganz normal in die Welt. Seither tut sie das aber auch meist wieder.
Luzis Blick Tage vor dem Vorfall – und nun auch wieder

Noch kurioser wurde es dann, als ich für Luz am nächsten Tag einen Termin bei unserer neuen Tierärztin gemacht habe. Die Arzthelferin am Telefon war sehr nett, fragte nach den Details, notierte alles für den Termin. Und sagte in etwa: »Das klingt nach Schlaganfall, das ist dann nicht so schlimm.«

Hä? Hatte ich nicht auf diversen Websites von Tierärzt/innen und Kliniken gelesen, dass es Schlaganfälle bei Katzen quasi gar nicht gibt? Dass das ein Mythos von Dr. Internet sei? Oder ist das eine dieser Unschärfen durch die Vermengung von Begriffen, um sich vermeintlich verständlicher auszudrücken?

Der Punkt ist jedenfalls: Ich bin froh, dass wir noch vor Weihnachten einen Termin haben. Denn Luzi zeigt zwar kein Kopfwackeln oder Augenzittern mehr. Auch kann sie geradeaus laufen und sie torkelt nicht mehr. Aber zwischendurch kommt es vor, dass sie hinten wegsackt.

Oder ist Luzi nun eine Ataxie-Katze?

Das mit dem Wegsacken oder auch Umkippen passiert vor allem, wenn sie sich auf ihrem Bettchen strecken will. Ist aber auch schon auf dem für sie rutschigen Laminat passiert. Und überhaupt läuft sie sehr unrund, das ist auch gar nicht gut.

Anzeichen einer Ataxie sind also immer noch vorhanden. Dazu (und zu dem Erleben von Schwindel) gehört sicherlich auch, dass sie recht breitbeinig geht und steht. Das allerdings ist mir schon aufgefallen, als Luzi noch gar nicht bei mir gelebt hat.

Dafür zeigt sie keine Kopfschiefhaltung, was ja eigentlich sehr typisch wäre für ein Vestibularsyndrom. Tatsächlich schaut sie sich die Welt wieder sehr viel mit wachem Blick an, ungefähr so wie auf dem Foto, das ich ein paar Tage vor dem Spuk gemacht hatte.

Besorgt bin ich also noch immer. Ich frage mich, wie lange das Ganze schon geht. Ob ein Problem im Innen- oder Mittelohr schon lange dafür sorgt, dass sie nicht mehr auf Möbel klettert. Ich habe dieses Meideverhalten immer im Zusammenhang mit ihrer Arthrose gesehen und zuletzt auch mit ihrer Demenz. Aber vielleicht war das falsch. Vielleicht dreht sich ihre Welt schon viel länger. Und sorgt so auch dafür, dass ihr oft übel ist und sie dann erbricht.

Warum nur hat ihr noch nie jemand so richtig in die Ohren geschaut?

Nächste Woche sind wir hoffentlich schlauer.

Update 19.12.2023

Ein schlimmes Wochenende und zwei Arztbesuche später sind wir ein bisschen schlauer. Zum ersten Mal hat sich ein Luzis Blutbild ein Befund ergeben – und den hätten wir nun wirklich nicht erwartet: Ihr T4-Wert ist zu hoch. Wie hoch genau, erfahre ich morgen, wenn ich ihr Medikament abhole.

Luzi hat nun also eine Schilddrüsenüberfunktion.

Wer hätte das gedacht? Gesteigerter Appetit und weniger Körperpflege, yep, das kennt die Luz. Aber Gewichtsverlust, vermehrter Durst, vermehrtes Pinkeln, Haarausfall oder gar gesteigerte Aktivität – ein klares Nein von unserer Seite.

Inwieweit dieser Befund nun mit den Ereignissen der letzten Tage zu tun haben könnte, also den Symptomen, die der Nottierarzt noch als (geriatrisches) Vestibularsyndrom erkannt hatte, bleibt unklar. Luzis Ohren diesseits des Trommelfells sind jedenfalls in Ordnung.

Dann sollten wir laut unserer Tierärztin zu einer Fachärztin für Neurologie. Ein Termin vor Weihnachten war aber a) nicht möglich. Und b) wäre es schwierig geworden, da Luzi ohne Gabapentin die recht lange Fahrtstrecke kaum bewältigen und sich bei der Untersuchung nicht kooperativ zeigen würde. Mit Gaba aber würde sie gar nicht erst neurologisch untersucht werden, da das Medikament zu verfremdeten Ergebnissen führen würde. Also wäre dann direkt ein MRT gemacht worden. So die Auskunft der Klinik.

Also nahmen wir recht dankbar das Angebot des Chefärztintermins an einer anderen Klinik an. Keine Neurologin, aber immerhin Chefärztin mit reichlich Erfahrung.

Von diesem Termin nun angemessen zu erzählen, überfordert mich gerade. In aller Kürze: Es war ganz anders als erwartet und ist im Ergebnis sicherlich eine kontroverse Diskussion wert, die Romy und ich bereits begonnen haben. Ein bildgebendes Verfahren (MRT, CT, whatever) hat jedenfalls nicht stattgefunden.

Beteilige dich an der Unterhaltung

7 Kommentare

  1. Hinterbeinschwäche, hinten Wegsacken, hat mit dem Vestibularsyndrom eher weniger zu tun.
    Da würde ich den Tierarzt oder die Tierärztin nochmal deutlich schildern, wie die ausgesehen hat. Hinterbeinschwäche könnte eher mit dem Herz (HCM) oder auch mit der Niere zusammenhängen.

    Ich würde einen Nierentest machen lassen: ihr Fell wirkt fettig, weist auf Vitamin- und Nährstoffmängel hin, das ist bei Niere oft so – und die Katze mal die Herzgeräusche abhören lassen. [Bei Diabetes wäre es eher der plantigrade Gang.]

    Vitamin-B-Gabe war bei dem V-Syndrom richtig. Vielleicht hört dieses dramatische Vestibularsyndrom damit wirklich für eine gute Zeitlang auf.

    Drücke euch beiden die Daumen, dass sich das wieder einkriegt.
    Die Vroni

  2. Hallo Vroni,

    danke für dein Mitüberlegen. Hier entwickeln sich die Dinge nämlich gar nicht gut, wir werden morgen früh als Notfall in die Praxis fahren müssen.
    Ich gehe noch immer davon aus, dass ihre Ataxie und die Übelkeit vom Schwindel kommen. Leider behält sie jetzt nichts mehr bei sich, irgendwie müssen wir bis morgen durchhalten. Weil nochmal Tiernotdienst, das kann es nicht sein.
    Das mit dem fettigen Fell täuscht, das ist mehr ein Problem der Kamera und der schlechten Lichtverhältnisse. Luzis Fell ist im Gegenteil eher trocken, sie hat auch immer wieder Schuppen, die im schwarzen Fell natürlich besonders auffallen.
    Ihr Herz klingt immer ganz toll, wie alle bislang gesagt haben, und der Test in Sachen Herzinsuffizienz war negativ.

    Mein Herz hingegen ist schwer, die Sorgen groß.
    LG, bk

  3. Auch Schuppen und dieses wie gerippt abstehende Fell sind ein Symptom für CNI.

    Du machst sehr gute Fotos, das ‚schlechte’ Licht ist es nicht. Da ich einen kohlschwarzen Kater ohne irgendein weißes Haar habe, kann ich sagen: das Schwarz schluckt dermaßen viel Licht, da machste nix 😉

  4. Wir werden sehen, was die TÄ morgen sagt. Im Moment bin ich nur froh, dass mittlerweile Luzis größtes Problem ihr Mordshunger ist. Da tut sie auch mal so, als hätte es die erste Hälfte des Tages nicht gegeben.

  5. Leider wissen wir noch nicht viel. Blutergebnisse kommen erst heute am späten Nachmittag, nach unserem „Chefärztintermin“ in einer Klinik hier, den ich mangels kurzfristiger Terminmöglichkeit mit der Neurologin gemacht habe. Hinzu kommt das Problem, dass Luzi ja eigentlich wieder Gaba bräuchte für den Transport und die Untersuchung, Gaba aber die neurologischen Tests verfälschen würde.
    Es kann also heiter werden nachher… 🙁

Schreibe einen Kommentar

Die im Rahmen der Kommentare angegebenen Daten werden von uns dauerhaft gespeichert. Cookies speichern wir nicht. Für weitere Informationen siehe bitte unsere Datenschutzerklärung.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert