Als Notfall sonntags in der Tierklinik: Luzi hat Schmerzen

Es gibt Erfahrungen, auf die könnte man getrost verzichten. Als Notfall sonntags in die Klinik ist so eine. Als Notfall sonntags in die Tierklinik gehört definitiv auch dazu. Aber wenn die geliebte samtpfötige Mitbewohnerin plötzlich ihr Verhalten ändert. Wenn sie offensichtlich Schmerzen hat. Dann hat man keine Wahl. Dann heißt es nur noch: Augen zu und durch. Auch für eine Angstkatze wie die Luzi.

Was war passiert?

Am Freitag saß ich bereits sorgenvoll bei Romy. Luzi wirke immer unkoordinierter, hatte ich ihr erzählt. Beim Training auf der Rampe hatte sie in den Tagen zuvor immer wieder daneben getreten. War einmal regelrecht abgestürzt. Allein das Aufstehen schien ihr immer schwerer zu fallen.

Außerdem hatte Luz in den letzten Tagen zuvor auffallend häufig getrunken. Viermal am Tag hatte ich sie trinken sehen. Für eine Katze, die bislang eher viermal im Jahr den Wassernapf aufgesucht hatte, ist das eine extreme Veränderung.

Das alles wäre für mich aber noch nicht der Grund gewesen, am Wochenende, gar sonntags, als Notfall in die Tierklinik zu fahren. Immerhin haben wir einen Termin mit unserer mobilen Haustierärztin. Der ist allerdings erst in knapp drei Wochen. Aber bis dahin würden wir schon noch durchhalten, dachte ich.

Doch dann kam das Fauchen und Knurren hinzu.

Wenn die Katze vermeintlich grundlos faucht und knurrt

In der Nacht zum Samstag passierte es zum ersten Mal. Scheinbar grundlos sprang Luz auf und fauchte und knurrte. Schaute mich mit nackter Panik an. Richtete ihre Angst schließlich gegen mich und rannte von mir weg. Und das alles kurz vor dem Einschlafen.

Entsetzt war ich, wusste aber noch nicht so recht, wie ich es einschätzen soll. Hatte sie bereits geschlafen und war aus einem schlimmen Traum aufgewacht?

Einmal hatte ich das mit ihr schon erlebt. Das war kurz nach ihren Einzug bei mir gewesen. Damals war ich leise ins Schlafzimmer gekommen, in dem sie auf dem Bett schlief, und hatte mich an die Balkontür gesetzt. Plötzlich war Luz fauchend aufgesprungen, ganz offensichtlich noch gefangen in irgendwelchen wilden Träumen. Sie hatte sich damals aber schnell orientiert und war nicht vor mir geflüchtet.

Am Samstagnachmittag passierte es dann noch einmal. Wieder sprang Luzi fauchend auf und schien in mir den Auslöser für ihr Leid zu sehen. Da hatte ich dann schon das Telefon in der Hand, um den mobilen Tiernotdienst anzurufen.

Mobiler Tiernotdienst am Sonntag

Angerufen habe ich dann aber doch erst einmal Romy. Wohlwissend, dass sie an diesem Wochenende gar nicht in der Stadt sein würde, wollte ich doch wissen, wann sie zurückkommen und mit uns in die Tierklinik fahren könnte.

Denn eines ist mir schon klar: So wahnsinnig viel kann der mobile Notdienst gar nicht leisten. Also zum Bespiel kein Blutbild anfertigen. Oder gar einen Ultraschall durchführen. Im Prinzip hätten die uns auch nur als Notfall in die Tierklinik gebracht, ob nun samstags oder sonntags.

Verabredet war dann, dass Romy und ihr Lebensgefährte am Sonntag direkt vom Bahnhof zu mir kommen, um uns dann in die Tierklinik zu fahren. Sofern Luzi nochmals dieses Verhalten zeigen sollte.

Der Samstag ging dann ganz normal dahin. Ich hatte schon die Hoffnung, dass wir bis Montag durchhalten und dann zu unserer Tierärztin fahren könnten. Aber nein, wieder zum Einschlafen dasselbe Bild: plötzliches Aufspringen, Fauchen, Knurren, panische Flucht.

Mit rosaroter Brille sonntags als Notfall in die Tierklinik

Und auch Sonntagvormittag, direkt nach dem Aufstehen: Fauchen und panisches Wegrennen. Da wollte ich nicht länger warten und rief den mobilen Tiernotdienst an. Der wäre tatsächlich auch gekommen – das aber erst am späten Nachmittag. Frühestens, wie es hieß.

Die Schilderung der Symptome führte dann auch zu einer ersten vorläufigen Diagnose: Nierenkoliken.

Uff. Da war es ausgesprochen. Das, wovor ich seit meinen Recherchen zum Beitrag über Kater Cobi und seiner Zahn-OP bei Chronischer Nierenerkrankung Angst hatte. Dass Luzi nun auch ihr Reservoir an Nierenzellen aufgebraucht haben könnte.

Das Gespräch machte jedenfalls auch klar: Mit Romy und ihrem Freund sind wir schneller dort, wo uns der Tiernotdienst auch hinfahren würde – sonntags als Notfall in die Tierklinik.

Schneller, aber auch besser planbar. Denn mit einer Angstkatze wie Luz funktionieren solche Aktionen nur mit einer rosaroten Brille. Sprich: mit unserer Geheimwaffe Gabapentin. Die Erfahrung besagt, dass ich ihr davon zweieinhalb Stunden vor der Begegnung mit der Transportbox beziehungsweise dem Tierarzt geben muss. Sonst ist ihre Angst vor der Box / dem Tierarzt stärker als das milde stimmende Medikament.

Und in der Tat: Zum allerersten Mal hat es geklappt, Luzi ohne jegliche Gegenwehr in die Box zu setzen. Kein Hilferuf in ihren Augen, als Romy sie auf den Arm nahm und zu mir und der Box trug.

Der schlimmste Part des Tages war also problemlos vonstattengegangen.

Alles Weitere zehrte dann nur unsagbar an unseren menschlichen Nerven.

Sonntags als Notfall in der Tierklinik? Da haste was zu erzählen…

Bereits am Telefon die niederschmetternde Info: Wir müssten mit einer Wartezeit von vier Stunden rechnen. Vier Stunden! Mit einer Angstkatze in der Box!

An der Klinik angekommen, haben wir dann natürlich darauf gedrängt, vorgezogen zu werden. Denn das war klar: Wenn das Gabapentin nicht mehr wirkt, wird Luzi sich nicht untersuchen lassen. Den Spaß hatten wir schon erlebt, in derselben Klinik.

Also hieß es: Ja, wir werden priorisiert. Nein, es dauert nicht so lange. Keine vier Stunden. Aber wie schnell es gehen könnte, konnte man uns nicht sagen.

Stimmt, es dauerte keine vier Stunden. Es dauerte ungefähr nur dreieinhalb Stunden.

Nun dreht sich die Welt ja im Allgemeinen nicht nur um die eigenen Interessen. Wenn man sonntags als Notfall in der Tierklinik vorspricht, gibt es noch genug andere Tiere, die ebenfalls Notfälle sind. Die sind vielleicht noch viel schlimmer dran als eine Angstkatze mit dem Verdacht auf Nierenkoliken.

So kam lange nach uns zum Beispiel eine Frau mit ihrer kleinen Hündin an. Die Kleine hatte sich zwei Reibekuchen einverleibt und musste die nun unbedingt erbrechen, bevor sie in den Darm gelangen und verdaut werden. Denn:

Reibekuchen = Zwiebeln = hoch giftig für Hunde und Katzen!

Natürlich wurde diese Frau mit ihrer Hündin vorgezogen. Und zum Glück ging es schnell. Die Hündin hat sich auf dem Behandlungstisch nämlich von selbst erbrochen.

Kurz vorm Verhungern sonntags in der Tierklinik

Bei allem Mitgefühl für die anderen Patient/innen und ihren Menschen: Irgendwann ist diese Warterei nicht mehr zu ertragen. Eine Zeitlang konnten wir uns noch mit Quizduell und anderen Spielen bei Laune halten. Eine Zeitlang funktionierte auch der humpelnde Chow Chow als willkommene Abwechslung.

»Guck mal, Luzi«, habe ich zu ihr gesagt, »der ist ungefähr hundertmal größer als du.«

Vor allem war auch sein Schnarchen hundertmal lauter als das von Luz.

Apropos Luz: Die hielt sich erstaunlich gut. Während Romy und ich uns gegenseitig immer wieder Mut und Durchhaltevermögen zusprechen mussten, lag Luzi still in der Box. Wenn wir kurz vorm Platzen standen, vor lauter Ungeduld und Ärger – Luzi blieb still in ihrer Box. Und selbst als wir uns vor lauter Hunger bald gegenseitig angeknabbert hätten: Luzi blieb still in ihrer Box.

Deshalb hier der Überlebenstipp:

Gehe niemals sonntags als Notfall in die Tierklinik ohne Proviant.
Thermoskanne Tee und Dauerwurst. Kaffee und Muffins. Wasser und Sandwiches. Was auch immer.
Ansonsten drohst du zu verhungern und zu verdursten.

Die Untersuchung

Irgendwann waren wir dann endlich an der Reihe. Und mussten feststellen, dass wir wegen Corona nicht zu zweit in das Behandlungszimmer durften.

Das war sehr bitter. Denn nach all der Warterei und dem Loch im Bauch hatten sich auch meine intellektuellen Möglichkeiten verabschiedet. Ich meine, ich fühlte mich wie weichgekocht. Mürbe gemacht. Da hätte ein weiteres zuhörendes Paar Ohren echt geholfen.

Immerhin bist du als Mensch deines Tieres gefordert, die wesentlichen Aspekte zu erkennen und zu benennen. Darauf basiert die ganze Priorisierung. Und darauf basiert dann auch das Vorgehen der Tierärztin.

Ja, hieß es. Vermehrtes Trinken, die schlechte Koordination und die offensichtlichen Schmerzzustände – hinter allem könnten Probleme mit den Nieren stehen. Alternativ aber auch Probleme mit der Schilddrüse.

Unterm Strich war meine Performance dann wohl noch okay. Richtig toll hingegen fand ich Luz. Klar hat sie zum Ausdruck gebracht, was sie von allem hielt. Aber sie hat sich nicht gewehrt. Sie hat nicht die Schlange gegeben. Sie hat nicht zugeschlagen. Fatalistisch hat sie sich untersuchen, Blut abnehmen und eine Infusion geben lassen. Auch sechseinhalb Stunden nach der Gabe hat die rosarote Brille noch gewirkt.

Das war sehr gut so. Und ich war sehr stolz auf die kleine Luz.

Die Diagnose: Die Nieren sind in Ordnung!

Mittlerweile wissen wir: Die Nierenwerte liegen voll in der Norm. Und auch die Schilddrüse ist absolut in Ordnung. Überhaupt: Bis auf zwei Werte liegen alle anderen im grünen Bereich. Was genau dieser Befund mir sagen soll, werde ich mir von unserer Tierärztin noch erklären lassen.

Was eine Erleichterung! Die Nieren sind noch immer in Ordnung! Zwar ist die nächste denkbare Diagnose auch nicht wirklich gut: Arthrose.

Arthrose lässt sich nämlich ebenso wenig heilen. Aber a) kann ich Luz (vor allem bei gesunden Nieren) dagegen Schmerzmittel geben. Und b) werde ich nun alles daransetzen, ihr mit Krankengymnastik Erleichterung zu verschaffen.

Während ich dies schreibe, liegt die Luz zu meinen Füßen und schläft. Das ist auch gut so, denn so ganz ist das Ganze dann doch nicht an ihr vorbeigegangen.

Zuerst einmal ist natürlich auch sie in der Tierklinik fast verhungert. Weshalb sie, zu Hause angekommen, gar nicht auf die Idee kommen konnte, sich zu verkriechen. Unterm Strich war ihr Hunger offenbar noch größer als meiner – und schien unstillbar. Jedenfalls hat sie noch gefuttert, als ich bereits satt war.

Und dann kam sie einfach nicht zur Ruhe. Ich vermute, sie ist noch die halbe Nacht durch die Wohnung geschlichen. Erst am frühen Morgen lag sie endlich schlafend neben mir.

Leider zeigt sie auch in den Tagen seither diese Ruhelosigkeit. Kein Fauchen und kein Knurren mehr. Aber es scheint noch in ihr zu arbeiten.

Kein Wunder. Auch sie muss diese Erfahrung, sonntags als Notfall in der Tierklinik gewesen zu sein, erst einmal verdauen.

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